Der Deserteur

Intro

Ludwig Baumann hat alles richtig gemacht. Sagen wir heute. Er wollte Hitlers Krieg nicht mitmachen und ist 1942 desertiert. Dafür saß er in der Todeszelle, wurde aber begnadigt. Er hat KZ, Wehrmachtsgefängnis und Strafbataillon überlebt und nach 1945 für seine Würde gekämpft. Am Ende eines langen Lebens wurde ihm ein später Traum erfüllt.

Kapitel 1: In der Todeszelle

Mit gerade einmal 20 Jahren wird der „Hamburger Jung“ Ludwig Baumann 1941 nach Bordeaux versetzt. Zwei Jahre zuvor hat der Zweite Weltkrieg begonnen, Frankreich ist seit Mitte 1940 besetzt. Viel zu tun hat der junge Marinesoldat nicht. Er lernt einen Kameraden kennen, den gleichaltrigen Kurt Oldenburg. Die beiden Hamburger freunden sich an.

Im Winter hören sie vom Feldzug im Osten, leiden mit den eigenen Kameraden aber auch mit den sowjetischen Kriegsgefangenen, die in der Wochenschau vorgeführt werden. Den Krieg mit diesen Verbrechen wollen sie nicht länger mitmachen. Sie wollen keine Leute umbringen. Widerstand leisten, darum geht es ihnen nicht, sagt Ludwig Baumann später.

Am 3. Juni 1942 entfernen sich die beiden Freunde von der Truppe. Mit zwei Pistolen im Gepäck und unterstützt von französischen Helfern wollen sie zur innerfranzösischen Grenze zum „freien Frankreich“ der sogenannten Vichy-Regierung. Eine deutsche Zollstreife greift sie auf. Nun hätten sie die Pistolen benutzen können. Aber sie wollen nicht töten.

Gut 30.000 Wehrmachtssoldaten sind im Zweiten Weltkrieg desertiert. Etwa 20.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt und umgebracht. „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben“, so hatte es Hitler angewiesen. Auch Ludwig Baumann wird von einem Militärrichter zum Tode verurteilt. Er verbringt zehn Monate in der Todeszelle. Er ist an Händen und Füßen gefesselt und lebt ständig in der Angst, dass die Wachen am Morgen die Tür öffnen, ihn mitnehmen und hinrichten. Zehn Monate geht das so. Dabei war er nach Intervention seines Vaters – eines Hamburger Tabak-Großhändlers – bereits zwei Monate nach dem Urteil begnadigt worden. Die Strafe wurde in zwölf Jahre Gefängnis umgewandelt, ebenso die Todesstrafe von Kurt Oldenburg. Davon hören beide erst im Frühjahr 1943. Jetzt sollen sie ihren Mut und die Tapferkeit beweisen. Im Strafbataillon.

Nach KZ und Militärhaft im sächsischen Torgau muss Baumann an die Ostfront und den Rückzug der Wehmacht absichern. Er erleidet einen Glückstreffer, wie er es später nennt und kommt ins Lazarett. Dort verzögert ein tschechischer Arzt seine Wundheilung. Der Krieg ist aus. Baumann kommt in russische Kriegsgefangenschaft und wird als Verfolgter der Nazis bald in Richtung Heimat entlassen. Sein Freund Kurt Oldenburg hat den Krieg nicht überlebt.

Kapitel 2: Brüche im Leben

In der Heimat haben die meisten mitgemacht oder geschwiegen. Sie wollen nach dem Kriegsende nichts von der Schuld wissen. Baumann hingegen hat auf der anderen Seite gestanden und gilt als vorbestraft. Einmal wird er auf dem Hamburger Schwarzmarkt als Deserteur von ehemaligen Soldaten zusammengeschlagen. Er flüchtet zur Polizei, wird aber dort gleich noch einmal misshandelt. Er merkt, dass er in den Augen der anderen ein Feigling, Kameradenschwein und Verräter geblieben ist. Irgendwann glaubt er es auch. Er schweigt, verdrängt und trinkt.

Ludwig Baumanns Vater stirbt kurz nach dem Krieg, der Sohn versäuft das Erbe. Er kann lange Zeit keiner geregelten Arbeit nachgehen, denn er ist durch Krieg und Todeszelle geprägt. Später zieht er nach Bremen, wird Gardinenvertreter und trifft seine spätere Frau. Sie bekommen sechs Kinder, nach der Geburt des letzten Kindes stirbt sie. Baumann muss fortan allein für die Kinder sorgen. Die Verantwortung rüttelt ihn wach. Er kommt vom Alkohol los. Andere seiner Leidensgenossen sind zugrunde gegangen, sagt er, denn sie konnten ohne Würde nicht leben. Baumann hingegen kämpft für seine Würde und politisiert sich.

Er engagiert sich in der Friedensbewegung und demonstriert 1981 mit 300.000 anderen in Bonn gegen die Aufrüstung der NATO. Ganz alleine schreibt er „Ami Go Home“ an den Sperrzaun einer US-Kaserne. Er kritisiert die Ungerechtigkeit der Weltwirtschaft und den Krieg. Baumann spricht vor den Wehrpflichtigen auf dem Bremer Hauptbahnhof und verteilt eine kleine Broschüre mit Tipps, wie man die Bundeswehr legal und illegal verlassen kann. Niemals solle man gegen sein Gewissen handeln, da ist er sich sicher.

Kapitel 3: Die Rehabilitation

Ausgerechnet bei Ludwig Baumann um die Ecke, im Bürgerhaus Bremen-Vegesack, wird 1986 eines der ersten Deserteursdenkmäler Deutschlands aufgestellt. Nun merkt er, wie sehr er selbst mit der Geschichte verwoben ist. Aber er wird nicht als NS-Opfer anerkannt. Noch nicht. Als er 1989 den ersten Antrag geschrieben hat, bescheidet ihm das zuständige Amt, dass nicht die Todeszelle für sein Schicksal entscheidend sei. Er sei ja begnadigt worden. Das empört ihn. So kann es nicht weitergehen. Er gründet 1990 mit knapp 40 Mitstreitern den Verband der Opfer der NS-Militärjustiz. Hauptziel ist die Rehabilitierung der Verurteilten. Es geht um die Deserteure und die sogenannten Kriegsverräter.

Gegen eine Rehabilitierung sprechen sich in den 1990er Jahren die Soldatenverbände aus. Aber auch die CDU/CSU-Fraktion ist dagegen. Sie haben Angst um die Moral in der Bundeswehr und wollen nicht die Millionen von Wehrmachtssoldaten, die mitgemacht hatten, in Misskredit bringen. Immerhin erkennt der Bundestag 1997 an, dass der Zweite Weltkrieg ein Vernichtungskrieg gewesen war. Die Rehabilitierung selbst gelingt erst unter rot-grüner Regierung mit maßgeblichem Anteil der Linken. 2002 werden die Urteile gegen Deserteure und 2009 auch gegen Kriegsverräter aufgehoben.

Baumann kämpft weiter. Für ein sichtbares Denkmal für die Deserteure in seiner Geburtsstadt Hamburg. Neben dem sogenannten Kriegsklotz am Bahnhof Dammtor, einem Kriegerdenkmal der Nazis aus den 1930er Jahren, soll ein Denkmal für die Deserteure entstehen. 2012 stimmt die Hamburger Bürgerschaft einstimmig dafür. 2015 wird es eingeweiht. Neben Bürgermeister Olaf Scholz spricht auch Ludwig Baumann. Er dankt der Stadt und spricht von einer bewegenden Stunde. Es gehe ein später Traum in Erfüllung. Heute gibt es an mehreren Orten in Deutschland solche Denkmäler.

Drei Jahre später stirbt Ludwig Baumann im Alter von 96 Jahren in einem Bremer Pflegeheim. Den letzten Kampf führt Baumanns Sohn. Er soll nach dem Tod Teile der Opferrente zurückzahlen, die Baumann erst im hohen Alter zugesprochen worden war. Im Pflegeheim habe er keinen Anspruch mehr darauf gehabt. Nach öffentlichen Protesten verzichtet die Behörde auf die Rückzahlung, zunächst nur bei Baumann, später ändert sie die Vorschrift für alle Opfer. Wehrmachtsdeserteure gibt es heute allerdings keine mehr. Ludwig Baumann war der letzte von ihnen.

Nach dieser Story weißt Du jetzt:

Erstens: Wehrmachtsdeserteure wurden im Zweiten Weltkrieg meist zum Tode verurteilt. Wenn sie begnadigt wurden, mussten sie sich im Krieg bewähren, wie es damals hieß.

Zweitens: Nach dem Zweiten Weltkrieg galten die Deserteure für viele Menschen in der Heimat weiterhin als Verräter.

Drittens: Erst nach 1990 wurden Deserteure wie Ludwig Baumann schrittweise rehabilitiert. Er selbst hat daran maßgeblich mitgewirkt.

Viertens: Erst seit einigen Jahren gibt es Denkmäler für die Deserteure im Zweiten Weltkrieg.